August 04, 2021

Klettern in der Brenta: Sentiero Bocchette Alte

Der längste, der höchste, der kühnste, der schwierigste: Diese Attribute untermauern den Spitzenrang des Sentiero Bocchette Alte. Schmale Gesimse ebnen den Weg durch eine Felslandschaft voller Dramatik und Urgewalt. Stets lauert nur einen Fußbreit neben uns die bodenlose Tiefe! Heute stellen wir euch den Sentiero Bocchette Alte aus dem Rother Klettersteigführer Dolomiten - Brenta - Gardasee von Mark Zahel vor!

Der höchste und anspruchsvollste Abschnitt der Traum-Via 

Ohne die aufwendigen Sicherungen käme man hier wohl nicht sehr weit. Die klettertechnischen Anforderungen bleiben allerdings in einem genussvollen Rahmen, sodass man das außergewöhnliche Landschaftsambiente voll in sich aufsaugen kann. Allenfalls bei Vereisung kann es ziemlich kritisch werden, und wenn sich der berüchtigte Brentanebel im Felsengewirr verfängt, steigt vielleicht auch ein wenig Beklemmung in uns hoch.

 

Felsschulter der Spalla di Brenta

Kühne Leiterpassage

Der Sentiero Bocchette Alte führt durch eine grandios verwinkelte Felsenwelt

Tourentyp: Klettersteig
Schwierigkeit: Maximal C, sehr variabel
Gehzeiten:
Rifugio Tuckett - Bocca del Tuckett 1.15 Std. Spalla di Brenta 2 Std. - Rifugio Alimonta 2.30 Std.; insgesamt 5.45 Std.
Ausgangspunkt: Rifugio Tuckett (2272 m)
Endpunkt: Rifugio Alimonta (2580 m)
Charakter: Üppig gesicherte, verwinkelte Route, die an der 3000-Meter-Linie kratzt, also streng hochalpinen Charakter trägt. Immer wieder Leitern, teilweise exponiert, auf der Variante des Sentiero Detassis sogar extrem. Eispassagen können Ausrüstung notwendig machen; große Bergerfahrung generell wichtig. 
Höhenunterschied: 970 Hm Aufstieg, 660 Hm Abstieg
Höchster Punkt: Spalla di Brenta (3002 m)
Exposition: Verschieden
Stützpunkte: Rifugio Tuckett (2272 m), Tel. +39/0465 441226; Rifugio Alimonta (2580 m), Tel. +39/0465 440366
Hinweis: Bevorzugter Ausgangspunkt für die meisten Touren in der zentralen Brenta ist das Rifugio Vallesinella (1513 m). Zufahrt von Madonna di Campiglio, in der Hauptsaison tagsüber aber nur per Shuttlebus möglich. Von dort steigt man zu den wichtigsten Hütten an, beispielsweise in 2 Std. zum Rifugio Tuckett. Gesamtgehzeit ab Vallesinella 10 Std. 

Zustieg auf die Sentiero Bocchette Alte

Wer zuerst aus dem Tal zusteigen muss, nimmt von Vallesinella Route Nr. 317 auf und folgt ihr über das Rifugio Casinei (1825 m) bis zum Rifugio Tuckett. Von dort auf der linken Seite des Troges bis unter den Castelletto Superiore, dann allmählich auf das schuttbedeckte Eis (gegebenenfalls Steigeisen verwenden) und hinauf zur Bocca del Tuckett (2648 m), dem Nadelöhr zwischen Sentiero Benini und Sentiero Bocchette Alte. 

Stahlkabeln auf der Sentiero Bocchette Alte ©anzebizjan_Adobe Stock

En Route auf der Sentiero Bocchette Alte ©anzebizjan_Adobe Stock

ohne Sicherung klettert man besser nicht weit ©anzebizjan_Adobe Stock

Auf dem Klettersteig

Letzterer zieht nach rechts auf einer Art Riesentreppe mit großen Absätzen höher. Über die einzelnen Aufschwünge helfen solide Sicherungen, teils auch Leitern (maximal B/C). Nach rund 300 Hm schwenkt man von der Nordschulter der Cima Brenta auf das ostseitige Garbariband, das den Gipfelaufbau in luftiger Höhe schneidet (der Abzweig zum Gipfel – Stellen I bis II in freier Kletterei! – befindet sich oberhalb einer Stufe).

Von seinem Ende über Leitern steil abwärts (B/C) zur berüchtigten Eisrinne, die inzwischen mehr und mehr ausapert und mittels lockerem Seil überbrückt wird (trotzdem je nach Verhältnissen ein prekäres Hindernis). Weiter geht es auf mustergültigen Bändern quer durch atemberaubende Wände mit eingelagerten Nischen, dann um ein Eck zur Felsschulter der Spalla di Brenta (3002 m): höchster Punkt des gesamten Bocchetteweges. Exponierte Gratpassagen im Bergab (B mit Leiter) und ein verwinkelter Verlauf um einen Zacken in der Bocchetta Alta dei Massodi schließen auf zur langen, fast senkrechten »Scala degli Amici«, die uns bis knapp an die Dreitausendermarke zurückbringt (B/C).

Jenseits des schuttbedeckten Spallone dei Massodi (2999 m) wird der Abstieg zur Bocchetta dei Massodi eingeleitet, teils gestuft, teils über schuttbedeckte Bänder, von einem Absatz nochmals über Steilgelände mit mehreren Leitern (meist um B). Zwischendurch kann man auf die waghalsige Variante des Sentiero Detassis abzweigen, dessen ultralange und teils überhängende Leiternserie (»Scala degli Dei«, bis C) jedoch nicht jedem behagen dürfte. Da zieht der Rucksack ganz schön nach außen!

Diese Route führt in den engen westseitigen Kessel, aus dem man um die Nase der Gemelli herum zum Rifugio Alimonta gelangt. Empfehlenswerter erscheint jedoch, nach der Gabelung den Quergang über eine Felsleiste (C) in die Bocchetta dei Massodi (2790 m) zu vollziehen und aus dieser heraus nochmals kurz aufwärts zu klettern (B). Man erreicht die Geröllschulter der Cima Molveno und steigt drüben über letzte gesicherte Stufen bis zum Rand der Vedretta dei Sfúlmini ab. Von dort rasch zu den flachen Steinbänken, auf denen das Rifugio Alimonta platziert ist. 

Abstieg

Ein etwaiger Talabstieg führt über einen Fels- und Schuttsteig hinab zum Rifugio Brentèi (2182 m) und anschließend über den viel begangenen Sentiero Bogani (Nr. 318) und das Rifugio Casinei zurück nach Vallesinella.

Titelfoto: © johannes86_Adobe Stock