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Wander-Erlebnis Nordalpenweg – Das Interview

Wander-Erlebnis Nordalpenweg – Das Interview

In 50 Etappen entlang der Ostalpen von Wien nach Bregenz

Einmal im Leben zu Fuß quer durch Österreich. Viele Weitwanderer erfüllen sich mit der Begehung des österreichischen Weitwanderweges 01 einen Lebenstraum. Einsame Gebirgsseen, ausladende Karsthochplateaus, hohe Berge, stille Wälder und durchaus anspruchsvolle Abschnitte liegen am Weg zwischen Wien und Bregenz. Mit Bregenz als Ziel vor dem geistigen Auge, beginnt eine Reise durch atemberaubende Landschaften und man lernt ein facettenreiches Land von einer neuen und intensiven Seite kennen und lieben. Der Autor Gerald Radinger hat uns in einem kurzen Interview von seinem Abenteuer “Nordalpenweg” berichtet!

Wander-Erlebnis Nordalpenweg

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freytag & berndt: Warum der Nordalpenweg (und nicht ein anderer Weitwanderweg)?

Gerald Radinger: Mich hat der Nordalpenweg (Österr. Weitwanderweg 01) immer schon fasziniert. Neben dem Südalpenweg (03), dem Voralpenweg (04) und dem Zentralalpenweg (02) zählt er zu den vier großen Ost-West-Durchquerungen des Landes. Wobei der letzte dieser Wege der längste und auch anspruchsvollste aller 10 österreichischen Weitwanderwege ist. Der Nordalpenweg hingegen führt kaum über Gletscher und wenn, dann gibt es immer auch eine Umgehungsvariante. Perfekt also, um ihn auch alleine gehen zu können. Darüber hinaus führt der Nordalpenweg auch bis ins Rheintal über österreichischen Boden. Der Südalpenweg ist doch deutlich kürzer und der Voralpenweg verlängert die Strecke nach Bregenz über die Bayerischen Voralpen. Nicht zuletzt gefällt mir der Weg deswegen, da man die höchsten Gipfel der Nördlichen Kalkalpen entweder besteigt oder direkt an Ihnen vorbei kommt. Ein echter Traum für jemanden, der auf schroffe und karge Berglandschaften steht.

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f & b: Welche tierischen Begegnungen hast du unterwegs gehabt?

GR: Der atemberaubendste Moment war jener, als wir in der Abenddämmerung unser Zelt aufgeschlagen hatten und nach dem Essen in unseren Schlafsäcken lagen. Plötzlich war ein Knacksen im nahen Wald zu hören und wenig später spürten wir auch schwere Fußtritte unmittelbar neben unseren Köpfen. Erschrocken hielten wir inne und lauschten dem Atem auf der anderen Seite der Zeltwand. Später, als ich aus dem Zelt hinausschaute und mit der Stirnlampe in die Dämmerung leuchtete, stellte sich heraus, dass uns der Hirsch immer noch – und zwar aus sicherer Entfernung am Waldrand – beobachtete. Das war wirklich fantastisch!

f & b: Was unterscheidet die Menschen zwischen Wien und Bregenz, und was verbindet sie?

GR: Vermutlich unterscheidet die Menschen zwischen Wien und Bregenz das, was Menschen generell unterscheidet: Sie sind verschieden! In manchen Tälern oder Gegenden herrscht ein starkes Wir-sind-Wir-Gefühl und ein Lokalpatriotismus vor. Wenn man so weit zu Fuß ein Land durchquert, erlebt man nicht nur viele schöne Begegnungen mit den unterschiedlichsten Typen, sondern man realisiert recht schnell, dass die Schönheit der österreichischen Berge, der Alpen, der Welt auch hinter dem nächsten Hügel weitergeht und sich überall schöne Flecken finden. Auch wenn das manch eingefleischter Regionalist nicht wahrhaben will. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass jene, die unumstößlich davon überzeugt sind, dass es nur daheim am Schönsten sei, auch jene sind, die kaum etwas anderes in ihrem Leben kennengelernt haben als die eigenen vier Hügeln.

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f & b: In welchen Gegenden hat sich deutlich das Sterben des ländlichen Raums gezeigt, und wo bist du Auswüchsen des Massentourismus begegnet?

GR: Massentourismus von Ost nach West: der beginnt ansatzweise im Salzkammergut, erstarkt in den Berchtesgadener Alpen auf den Hütten im Steinernen Meer, ebbt kurz in den Loferer Steinbergen ab und hört mit wenigen Ausnahmen bis zum Arlberg nicht wirklich auf. Tirol ist schon speziell, weil die heile Bergwelt der Hochglanzprospekte der Tirol Werbung habe ich dort nicht finden können. Ich bin vielleicht nicht der richtige Typ für Massenaufläufe, aber vielleicht bin ich auch genau deswegen aufgebrochen, einen Weitwanderweg zu gehen.

Das Sterben des ländlichen Raums ist ja nicht neu, das kann man ja schon seit Jahrzehnten beobachten und man sieht natürlich auch jene Gebiete, die davon am Stärksten betroffen sind, allen voran alpine Gebiete, nämlich dort, wo Tourismus keine großen Einnahmequellen darstellt und die Landwirtschaft, aber auch der Produktionssektor stark an Bedeutung verloren hat. In der nordöstlichen Steiermark findet man ruhige Ecken, die vermutlich einzigartig im österreichischen Vergleich sind.

f & b: Setzen die Hüttenwirte und Tourismusverbände auf das österr. Weitwanderwegenetz, oder ist das ein vernachlässigtes Minderheitenprogramm?

GR: Das Weitwanderwegenetz insgesamt und der Nordalpenweg im Besonderen ist meiner Meinung nach ein klares Minderheitenprogramm. Das ist aber genau das Reizvolle, zumal auch weniger Menschen unterwegs sind als auf den von Tourismusverbänden und Alpenvereinen angepriesenen neuen Marketingkreationen wie Adlerweg, Lechweg, Oberstdorf-Meran oder aber auch der Rundtour durchs Steinerne Meer. Dort ist man einer von Vielen – am Weg als auch auf der Hütte für den Wirt. Manches Mal erhielten wir schon erstaunte Gesichter anderer Hüttengäste, als wir erzählten, dass wir Österreich von Ost nach West und nicht (nur) von Nord nach Süd durchqueren.

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f & b: Gibt es auch Leute, die den Nordalpenweg von West nach Ost gehen, oder ist das keine gute Idee?

GR: Es gibt Leute, die das so gehen, klar. Beste Beispiele dafür sind der Journalist Axel N. Halbhuber und erst kürzlich der Fotograf und Vortragende Matthias Kodym. Beide haben den Nordalpenweg in Perchtoldsdorf beendet. Für mich stand nie außer Frage, den Weg südlich von Wien zu beginnen. Erstens beginnt man das Abenteuer am Rande Österreichs einziger Metropole und zweitens stellt Bregenz mit dem Bodensee auch eine Art Sehnsuchtsort dar. Ich wollte auch nie in einer Stadt ankommen, sondern an einem Ort, wo man über das Wasser nach Westen blicken kann.

Rein taktisch gesehen erscheint mir die Variante von Ost nach West auch klüger, denn sollte man den Weg in einer Saison begehen wollen, dann erreicht man in den ersten zwei Wochen von Perchtoldsdorf nach Spital am Pyhrn kaum jemals die 2.000-Meter-Marke. Im Westen hingegen kann am Beginn der Saison Ende Juni/Anfang Juli noch viel Schnee in den sehr steilen Scharten des Lechquellengebirges und der Lechtaler Alpen liegen. Da kann es schnell unangenehm und gefährlich werden. Ansonsten ist es vermutlich eine Frage des persönlichen Geschmacks, wie man es anlegen möchte.

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f & b: Nordalpenweg mit Kind oder Hund – wann und wo besser nicht?

GR: Nachdem nun auch schon eine Grönlanddurchquerung mit Kindern gemacht und vom staatlichen Fernsehen in Norwegen begleitet wird, gibt es nichts was unmöglich erscheint. Man darf nicht vergessen, dass ich für die Recherche vom Buch auch Umgehungen der heiklen Stellen ausgemacht und mit aufgenommen habe. Es gibt auch ganze Alternativetappen, wo man über mehrere Tage die hohen und exponierteren Passagen umgehen kann. Auch wenn ich hier sagen muss, dass jeder Weg in die Berge selbstverantwortlich geschehen muss, so ist sicher mit Hunden der Weg möglich. Der vorher erwähnte Axel N. Halbhuber ist den Weg auch mit seinem Hund gegangen, auch wenn es für diesen eine konditionelle Herausforderung war und sich seine Pfoten rasch am überall vorherrschenden rauen Fels wundgescheuert haben. Aber auch da kann man ausreichend Vorsorge treffen.

Bei Kindern kommt es aufs Eigenkönnen und aufs Alter an, aber das sollte jedem klar sein, der mit seinen Kindern in die Berge gehen will. Und wer das regelmäßig und erfolgreich macht, der sollte es auch gut einzuschätzen gelernt haben, was er seinen Kindern mit der Begehung des Nordalpenweges zumutet. Wer sich unsicher ist kann doch auch zuerst den Mariazeller Weg (06) oder den Voralpenweg (04) ausprobieren. Die Herausforderungen steigern ist leichter als sie in schwierigem Gelände zu drosseln.

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f & b: Persönlich: Wanderstöcke ja oder nein?

GR: Für mich waren am Nordalpenweg keine nötig. Ich bin der Meinung, dass man auch die Trittsicherheit schult, wenn man auf Stöcke verzichtet. Bei Gelenksproblemen und schweren Lasten sollte man jedoch die unterstützende Wirkung von Stöcken schätzen und zu einem Paar dieser Begleiter greifen.

f & b: Für welche Etappen sollte man zusätzlich zu den im Buch abgedruckten 1:50.000er-Karten vom BEV zur Sicherheit noch z.B. eine AV-Karte dabeihaben?

GR: Das hängt mitunter stark von der Witterung ab. Die Orientierung ist grundsätzlich auf den Hochplateaus herausfordernder, und davon gibt es viele am Weg – angefangen bei der Rax über den Hochschwab, das Tote Gebirge, den Dachstein, Hochkönig und Steinernes Meer, bis in die Lechtaler Alpen und ins Lechquellengebirge. Dort machen zusätzliche Karten selbstverständlich Sinn. Bei der Begehung des Originalwegs am Loferer Steinberg würde ich unbedingt zu einer AV-Karte raten.

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f & b: Old School abends auf der Hütte bechern & Knödel essen, oder beachtest du fürs Weitwandern eine spezielle Diät?

GR: An gesättigten Fettsäuren und (Monosacchariden) Kohlenhydraten mangelt es jedenfalls auf Hütten nicht. Eine spezielle Diät aber beachte ich eigentlich nicht. Ich versuche bei starker körperlicher Beanspruchung immer hochwertige Lebensmittel zu mir zu nehmen, die mir eine rasche Regeneration erlauben und mir auch ausreichend Energie bereitstellen können – da kann ein Knödel schon helfen, aber ganz optimal ist das nicht. Hochwertige Fette bekommt man gut und einfach über Nüsse und wo immer ich im Tal konnte, habe ich viel Obst und Gemüse gekauft bzw. gleich verzehrt. Saisonale Gericht mit frischen Zutaten wie Obst und Gemüse sind – auch bei gut erschlossenen Hütten, die mit dem Auto erreicht werden können – selten auf der Karte. Dort regiert eher der als traditionell interpretierte Einheitsbrei und der kommt dann auch oft aus dem Packerl. Nach ein paar Wochen Germknödel, Kaiserschmarren, Schweinsbraten und Linsen mit Speck freut man sich auf jede Gelegenheit mit einer großen Schüssel mit grünem Salat mit Kernöl und gefüllten Paprika mit frischer Tomatensauce.

Gerald Radinger
www.hochtourist.at

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